Pressemitteilung
zurück"Gipfel der Geschmacklosigkeit": "Erlebniswochenende" im ehemaligen Frauengefängnis Hoheneck/Sachsen
Reaktionen von Opferverbänden, Aufarbeitungsinitiativen und Zeitungen
Dresdner Neueste Nachrichten, Freitag, 13. August 2004
Empörung über "Erlebnis-Nacht"
Stollberg/Dresden. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat das geplante "Übernachtungsevent" im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Schloss Hoheneck in Stollberg kritisiert. Die Vermarktung des früheren Zuchthauses bei Chemnitz durch den Investor sei "unerhört und unanständig", urteilte die Gesellschaft gestern in Frankfurt/M. Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) sei gebeten worden, die "Show" zu verhindern. Der Kritik hat sich gestern auch die SPD-Landtagsfraktion angeschlossen. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion, Gisela Schwarz, bezeichnete das Angebot als unglaubliche Verhöhnung der Opfer und verlangte, die "unterträglichen Pläne zu stoppen". Die Chemnitzer Artemis GmbH erklärte, sie fühle sich in ihren Absichten missverstanden. Zu DDR-Zeiten galt Hoheneck als Synonym für grausame Haftbedingungen und politisch missbrauchten Strafvollzug. Die Kritik entzündet sich an dem Angebot "Hinter Gittern für eine Nacht", mit dem Artemis im Internet wirbt. Für den Preis von 100 Euro werden an zwei Wochenenden im September neben einer Übernachtung "in originalen Zellen des ehemaligen Frauengefängnisses" noch andere Leistungen offeriert. Dazu gehören Musik und Show in den Gefängnistrakten und ein "Knastfrühstück". IGFM-Vorsitzender Karl Hafen sagte: "Niemand käme auf den Gedanken, einem Ort, in dem Nazi-Unrecht geschehen ist, einen Wiedererlebniswert zuzugestehen, aber in der DDR-Nostalgie ist wohl alles möglich." Zuvor hatte schon die Stiftung Sächsische Gedenkstätten dem Investor vorgeworfen, er habe seine Zusage gebrochen, das Andenken an die politischen Gefangenen zu wahren. Die Chemnitzer Artemis GmbH hatte 2003 das zwei Jahre zuvor geschlossene Gefängnis vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) gekauft und bietet in dem 2001 geräumten Gefängnis im Erzgebirge erfolgreich Übernachtungen sowie Nachtführungen im September an. Laut Vertrag ist die Umwandlung in ein Hotel mit mehreren Restaurants vorgesehen. Das Areal umfasst eine Fläche von 50.000 Quadratmetern. Artemis-Geschäftsführer Bernhard Freiberger sagte, es sei nicht beabsichtigt, die Gefühle der ehemaligen politischen Gefangenen zu verletzen. "Diese Vergangenheit kann man nicht in einem Buch beschreiben, das muss man hier in diesem Mauern erleben." Bei dem "Übernachtungsevent" handele es sich "nicht um ein banales Belustigungsprogramm". Es sei ein Programm vorgesehen, das zum Nachdenken anrege. Deshalb halte er an der Offerte fest, für die es 700 bis 1000 Schlafgäste erwartet.
bast
Mitteldeutsche Zeitung, Freitag, 13. August 2004
Stollberg/dpa. Die Kritik an dem geplanten "Übernachtungsevent" im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Schloss Hoheneck in Stollberg bei Chemnitz weitet sich aus. Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sprach am Donnerstag von einem "bislang unerreichten Gipfel der Geschmacklosigkeit". Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) bat Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU, die "Show" zu verhindern. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion, Gisela Schwarz, forderte ebenfalls den Stopp. Derartige Pläne seien unerträglich. Die Chemnitzer Artemis GmbH erklärte, sie fühle sich in ihren Absichten missverstanden. Zu DDR-Zeiten galt Hoheneck als Synonym für grausame Haftbedingungen und politisch missbrauchten Strafvollzug. Die Kritik entzündet sich an dem Angebot "Hinter Gittern für eine Nacht", mit dem Artemis im Internet wirbt. Für den Preis von 100 Euro werden an zwei Wochenenden im September neben einer Übernachtung "in originalen Zellen des ehemaligen Frauengefängnisses" noch andere Leistungen offeriert. Dazu gehören Musik und Show in den Gefängnistrakten und ein "Knastfrühstück". "Für jene Menschen, die unter der Diktatur der SBZ/DDR gelitten haben, verfolgt und für viele Jahre inhaftiert worden sind, ist das eine unerträgliche Provokation", sagte die Geschäftsführerin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anne Kaminsky. Kommunen und Länder dürften beim Verkauf derartig belasteter Orte nicht allein ökonomische Aspekte im Blick haben. Zuvor hatte schon die Stiftung Sächsische Gedenkstätten dem Investor vorgeworfen, er habe seine Zusage gebrochen, das Andenken an die politischen Gefangenen zu wahren. Die Chemnitzer Artemis GmbH hatte 2003 das zwei Jahre zuvor geschlossene Gefängnis vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) gekauft. Laut Vertrag ist die Umwandlung in ein Hotel mit mehreren Restaurants vorgesehen. Das Areal umfasst eine Fläche von 50 000 Quadratmetern mit 25 Gebäuden. Artemis-Geschäftsführer Bernhard Freiberger sagte der dpa, es sei nicht beabsichtigt, die Gefühle der ehemaligen politischen Gefangenen zu verletzen. "Diese Vergangenheit kann man nicht in einem Buch beschreiben, das muss man hier in diesem Mauern erleben." Bei dem "Übernachtungsevent" handele es sich "nicht um ein banales Belustigungsprogramm". Es sei ein Programm vorgesehen, das zum Nachdenken anrege.
Sächsische Zeitung, Freitag, 13. August 2004
"Show" im Ex-Gefängnis - Protest der Gesellschaft für Menschenrechte Stollberg. Die Kritik an dem geplanten "Übernachtungsevent" im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Schloss Hoheneck in Stollberg bei Chemnitz weitet sich aus. Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sprach gestern von einem "bislang unerreichten Gipfel der Geschmacklosigkeit". Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte bat Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), die "Show" zu verhindern. Die Chemnitzer Artemis GmbH erklärte, sie fühle sich in ihren Absichten missverstanden. Zu DDR-Zeiten galt Hoheneck als Synonym für grausame Haftbedingungen und politisch missbrauchten Strafvollzug. Die Kritik entzündet sich an dem Angebot "Hinter Gittern für eine Nacht", mit dem Artemis im Internet wirbt. Für den Preis von 100 Euro werden an zwei Wochenenden im September neben einer Übernachtung "in originalen Zellen" noch andere Leistungen offeriert. Dazu gehören Musik und Show in den Gefängnistrakten und ein "Knastfrühstück". "Für jene Menschen, die unter der Diktatur gelitten haben, in Haft gehen mussten, ist das eine unerträgliche Provokation", sagte die Geschäftsführerin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anne Kaminsky. Kommunen und Länder dürften beim Verkauf derartig belasteter Orte nicht allein ökonomische Aspekte im Blick haben. (dpa)
Reaktionen von Opferverbänden und Aufarbeitungsinitiativen
Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihre klaren Worte und der Unterstützung!
Detlef Stein, UOKG, Der Bundesgeschäftsführer, 13.8.2004
Ich bin ebenso sprachlos wie wütend und schließe mich im Namen der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V., Erfurt, deren Vorsitzende ich bin, der Forderung der Stiftung zur Aufarbeitung an und verbinde dies mit der Anfrage, wie wir dieser Forderung mehr Nachdruck verschaffen können. Auf jeden Fall können Sie diese verbale Unterstützung öffentlich machen.
Barbara Sengewald, www.gesellschaft-zeitgeschichte.de, 13.08.2004
Der Arbeitskreis Grenzinformation verurteilt aufs Schärfste diese unglückliche Entscheidung, die den Opfern der DDR-Diktatur Hohn spricht. Frau Rohrbach und Frau Frau Riemann haben bei Lesungen im Grenzmuseum auf ihre unwürdige Unterbringung, schikanöse Behandlung in diesem Frauengefängnis hingewiesen. Unmöglich, was Akteueren alles einfällt. Wir schließen uns Ihrem Protest an.
Wolfgang Ruske, Vorstandsvorsitzender AK Grenzinformation e.V.,13.08.2004

